Jürgen Heimbach, Die rote Hand. Unionsverlag € 14,40

Ein perfekter Krimi mit bestens temperiertem Spannungsboden, stilistisch anspruchsvoll und einer vielschichtigen Hauptfigur. Angesiedelt im Deutschland der 1950er Jahre, der Zeit des Aufbruchs und Anpackens im Wirtschaftswunder, fristet der Protagonist, ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, der noch im Gefangenenlager der Fremdenlegion beigetreten war und nach Jahren im Algerienkrieg zerrüttet heimkehrt ist in die fremdgewordene Heimat, eine karge, einsame, ausgenütze Existenz zwischen Resignation und Hoffnung auf den großen Wettgewinn. Dort gerät er in das Spannungsfeld zwischen einer Geheimorganisation, Waffenhändlern und der Polizei. Noir at its best, eine gelunge Hommage an die große Krimiliteratur a la Chandler und Konsorten.

Benedict Wells, Hard Land. Diogenes € 24.-

In seinem neuen Roman erzählt Benedict Wells aus dem Sommer eines Jugendlichen in der amerikanischen Provinz der 1980er Jahre. Aspekte wie Außenseitertum, Musik, schwieriges Zuhause, Liebe, Freundschaft und das Up and down des Teenager-Daseins werden schön und leicht erzählt eingefangen. Dazu gibt es folgenden Trailer zum Einstimmen.

https://www.hard-land.de/?utm_source=dio_website&utm_medium=teaser&utm_campaign=wells_hardland

Franzobel, Die Eroberung Amerikas. Zsolnay € 26,80.

Wild drauflos schwadroniert und fabuliert wird hier, und das mit großem Sprachwitz und nicht geringer Kunst im Schmieden schöner Worte. Dass nicht jeder Kalauer ein Volltreffer ist, sei verziehen, und das der Spannungsbogen manchmal etwas verlorengeht in dieser Geschichte über eine Expediton in die Südstaaten der USA im 16. Jahrhundert, mag man hinnehmen, und lässt sich belustigt das Panoptikum der skurillen Gestalten auf den Buchseiten präsentieren.

Joachim B.Schmidt, Kalmann. Diogenes €22,70

Äußerst liebenswert präsentiert sich der naiv-einfältige Held in diesem skurillen, schrägen, und unterhaltsamen Buch über einen Kriminalfall in einem abgelegenen isländischen Fischerdorf. Kalmann, seines Zeichens der letzte Gammelhaihersteller Raufarhöfns, hat es nicht leicht, als der reichste Mann im Dorf plötzlich ungeklärt verschwunden ist und er sich im Spannungsfeld von zwielichtigen litauischen Schönheiten, der Polizei, und eventuell herumstreunenden Eisbären, behaupten muss.

Jean-Paul Dubois, Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. € 22,70

Wer gerne wunderbar stimmige, schön und spannend zu lesenden Roman mag, den sei dieser mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman sehr ans Herz gelegt. Ein Mann sitzt in einem kanadischen Gefängnis, und nach und nach wird erzählt, wie es zur Straftat kommen konnte, aber auch seine Lebensgeschichte, die Geschichte seiner Eltern, seine Liebesgeschichte werden nach und nach in diesem feinen, schmalen Roman enthüllt.

Deniz Ohde; Streulicht. Suhrkamp € 22,70

In diesem ruhigen, genau beobachteten, einfühlsamen Roman erinnert sich die namenlose Heldin an ihre Kindheit und Jugend in einer deutschen Industriestadt. Der Vater, ein schweigsamer, zunehmend dem Alkohol verfallender Arbeiter, die leidende, aus der Türkei stammende Mutter, die Freunde aus besseren Häusern, und vor allem die subtilen, unfairen Verunglimpfungen, die sie, ohnehin schüchtern, noch mehr verunsichern und in sich zurückziehen lassen. Ein sehr lesenswerter Roman einer jungen deutschen Autorin.

Stephan Roiss, Triceratops. Kremayr&Scheriau € 20.-

Die Aufarbeitung der Jugend am Land, ein nimmermüder Topos der österreichischen Literatur, rangiert ja auch heuer wieder ganz prominent unter den Neuerscheinungen. Stephan Roiss wählt den poetisch-eindringlichen Zugang aus der Sicht des Erzählers, schildert in kurzen Momentaufnahmen die Geschichte eines Jugendlichen im Spannungsfeld der psychisch labilen Mutter, des resigniert-erschöpften Vaters, steigert sich in zunehmender Eindringlichkeit hinein in die kindlich/jugendlichen Unsicherheiten, schulischen Hänseleien, ersten prägenden Schritten in Sachen Liebe, der Verlorenheit und des daraus resultierenden psychischen Drucks. Auch auf der Longlist zum deutschen Buchpreis zu finden.
https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Rye Curtis, Cloris. C.H.Beck € 24,70

Der Plot. Die 72-jährige Cloris, mit ihrem Mann in einem kleinen Flugzeug unterwegs, überlebt als Einzige den Absturz in der Wildnis. Kein Funkkontakt möglich. In der Ferne der Rauch eines Lagerfeuers. So beginnt die Geschichte, die die über 90-jährige Cloris im Altersheim erzählt. Es geht also gut aus, aber ohne (mysteriöse) Hilfe geht es doch nicht. Parallel dazu beginnt die Suche, angeführt von einer Rangerin mit massivem Rotweinkonsum und auf Selbstfindungssuche. Mit fast lakonischer Unaufgeregtheit, originell, spannend, ohne Theatralik oder Heroik erzählt, mit liebenswerten, komplexen Charakteren versehen, ein sehr interessantes Buch eines jungen amerikanischen Autors, von dem man vermutlich, und hoffentlich, noch einiges zu lesen bekommen wird.